Grüne sind „Pro Sekundarschule“

Nachdem zum Ende des Jahres 2010 der Schulentwicklungsplan für Castrop-Rauxel („Schober-Gutachten“) veröffentlicht wurde, setzen wir Grüne uns intensiv mit der Bildungslandschaft in unserer Stadt auseinander. Die politischen Entscheidungen, die dabei bisher getroffen wurden, waren z. T. schmerzhaft, aber aus verschiedenen Gründen notwendig. Standen vor mehr als einem Jahr noch die Grundschulen im Mittelpunkt, gilt es seit längerem die Schullandschaft auch im Sekundarbereich neu zu ordnen und zukunftsfähig zu machen. Dabei haben wir uns bereits zu Beginn des Jahres für die Errichtung von zwei Sekundarschulen in Castrop-Rauxel ausgesprochen und beteiligen uns jetzt aktiv am Aktionsbündnis „Pro Sekundarschule“.

Mit dem auf Landesebene geschlossenen Schulfrieden zwischen Grünen, SPD und CDU wurde die neue Schulform Sekundarschule eingeführt. Diese versteht sich als Schule für alle und soll vor allem dort, wo keine Hauptschule mehr vorgehalten werden kann, allen Kindern und Jugendlichen die Chance geben, den bestmöglichen Schulabschluss am Ende der Klasse 10 zu erreichen. Darüber hinaus orientiert sich die Sekundarschule an gymnasialen Standards und ist gefordert mit einem Gymnasium, einer Gesamtschule oder einem Berufskolleg vor Ort zu kooperieren, um den Schülern außerdem die Möglichkeit zu geben, am Ende der 10. Klasse problemlos in eine Oberstufe zu wechseln.    
Für Castrop-Rauxel macht die Einführung von Sekundarschulen in vielerlei Hinsicht Sinn. Aufgrund des demografischen Wandels wird sich die Zahl der Schüler, die in etwa zehn Jahren auf eine weiterführende Schule wechseln um etwa 200 auf dann noch 500 Schüler reduzieren. Auch schlägt sich der landesweite Trend in Castrop-Rauxel nieder, wonach die Anmeldezahlen an Hauptschulen rückläufig sind. Dies ist besonders bedauerlich, da die beiden Hauptschulen in unserer Stadt, die Franz-Hillebrand-Hauptschule und die Schillerschule, über Jahre nachweislich gute Arbeit geleistet haben.     
Dennoch hat die Franz-Hillebrand-Hauptschule bereits zum Schuljahr 2012/13 keine neuen Schüler mehr aufgenommen. Hinzu kommt, dass die Janusz-Korczak-Gesamtschule in diesem Sommer letztmalig und nur mit einer Ausnahmeregelung der Bezirksregierung eine Jahrgangsstufe 5 bilden konnte. Lediglich die Fridtjof-Nansen-Realschule wird ihre Schülerzahlen zunächst halten können. Somit fehlt aber kurzfristig in den nördlichen Stadtteilen Ickern und Habinghorst ein adäquates Schulangebot für alle Schüler. Der hier entstandene Handlungsdruck wurde von Verwaltung, und Politik frühzeitig erkannt. Zu Beginn des Entwicklungsprozesses zeigten sich auch alle betroffenen Schulen für Veränderungen aufgeschlossen und begannen mit der Entwicklung eines Konzepts für eine Sekundarschule im Norden. Im Frühjahr 2012 scherte die Schulgemeinde der Fridtjof-Nansen-Realschule jedoch aus und beharrt seitdem auf ihrem Status als Realschule am heutigen Standort. Vertreter der Schule haben in einem Gespräch mit unserer Ratsfraktion noch Ende 2011 ihre Ideen von einer Sekundarschule glaubwürdig und mit Überzeugung vorgetragen. Die Gründe für den Sinneswandel erscheinen dagegen bis heute kaum nachvollziehbar.     
Einfacher stellt sich die Situation im Süden der Stadt dar. Noch bringen die Hauptschule an der Schillerstraße und die Johannes-Rau-Realschule die notwendigen Schülerzahlen zusammen, doch aufgrund der bereits erwähnten Einflüsse des demografischen Wandels und des scheinbar unaufhaltsamen Rückgangs der Schülerzahlen an Hauptschulen ist ein Ende der beiden Schule schon heute absehbar. Schulleitungen und Kollegien der beiden Schulen haben sich daher klar und eindeutig für die Verschmelzung der beiden Schulen zu einer Sekundarschule ausgesprochen und sind bereits in die Entwicklung eines Konzepts für die neue Schule eingestiegen.    
Kurz vor den Sommerferien 2012 brachte dann auch die Mehrheit aus Grünen und SPD den Grundsatzbeschluss zur Errichtung von zwei Sekundarschulen in Castrop-Rauxel durch den Rat. Dagegen wurde jedoch ein Bürgerbegehren initiiert, mit dem Ziel die Fridtjof-Nansen-Realschule an ihrem heutigen Standort an der Lange Straße zu erhalten. In der letzten Ratssitzung wurde dieses durch die rot-grüne Ratsmehrheit abgelehnt. Nun sind im Rahmen eines Bürgerentscheids am 28. Oktober alle wahlberechtigten Bürger aufgefordert über den Fortbestand der Realschule im Norden abzustimmen.     
Dabei wird es auch um die Frage gehen, ob das gegliederte Schulsystem noch zeitgemäß ist oder ob die Zukunft der Schullandschaft nicht vielmehr in einem integrierten System liegt.  Aus Sicht der grünen Schulexperten ist die Antwort eindeutig: Ein integriertes Schulsystem bietet viel mehr Möglichkeiten für längeres gemeinsames Lernen und inklusive Bildung und somit allen Schülern die Chance, den für sie bestmöglichen Abschluss zu erreichen.    
Eine Realschule ist auch aufgrund ihrer eigenen Versetzungsordnung kaum in der Lage allen Schülern gerecht zu werden. Abschulungen werden trotz aller Bemühungen um individuelle Förderung immer wieder vorkommen müssen. Die Willy-Brandt-Gesamtschule als einzige verbleibende Schule, die organisatorisch m. E. noch unter der Realschule angesiedelt ist, wird allerdings kaum in der Lage sein, diese Schüler aufzunehmen. Auch insofern macht die Gründung von Sekundarschulen Sinn. Dem häufig angeführten Argument, unter der gemeinsamen Beschulung von vermeintlich starken und schwachen Schülern würden vor allem die Stärkeren leiden und das Leistungsniveau insgesamt sinken, kann durch wissenschaftliche Studien widersprochen werden. Diese belegen, dass das Lernniveau in einem integrierten System oftmals steigt und vor allem das soziale Lernen deutlich mehr Raum bekommt. Das Wiederholen einer Jahrgangsstufe wird an einer Sekundarschule mehr Ausnahme als Regel sein, da es nur auf Antrag der Eltern möglich ist.
Außerdem wird die Qualität von Sekundarschulen auch über die organisatorischen Rahmenbedingungen sichergestellt.     
Sekundarschulen sind Ganztagsschulen, was bereits mehr Möglichkeiten für die individuelle Förderung bietet. Die Unterrichtsverpflichtung für Lehrer liegt mit 25,5 Stunden z. B. drei Stunden unter der Unterrichtsverpflichtung an Realschulen, was dem einzelnen Lehrer die Chance gibt, sich auch außerhalb des Unterrichts noch besser um seine Schüler kümmern zu können. Die personelle Ausstattung an einer Sekundarschule liegt deutlich über der Realschule. Für etwa 17 Schüler  wird eine Lehrerstelle an einer Sekundarschule geschaffen, während z. B. an einer Realschule ein Lehrer auf knapp 21 Schüler trifft. Dies hat zur Folge, dass einerseits die Klassengröße sinkt und andererseits Teamteaching mehrmals in der Woche möglich sein wird. All das scheint auch  dem vorgegebenen Klassenfrequenz-Richtwert nach ausdrücklich erwünscht zu sein: Die durchschnittliche Klassengröße an der Sekundarschule soll bei 25 Schülern gegenüber 28 Schülern an der Realschule liegen.    
Nichts zuletzt werden in die zwei neuen Sekundarschulen die bewährten Konzepte und Schulprogramme von zwei bzw. drei Quellschulen einfließen, während sie sich gleichzeitig altem Ballast entledigen können. Das Argument der Sekundarschulgegner, dass sich die neue Schule bislang eher durch Konzeptlosigkeit auszeichne, entspricht somit ebenfalls nicht der Realität. Stattdessen wird eine Sekundarschule vermutlich mit einem Kollegium an den Start gehen, dass sich durch besonderes Engagement auch in der Schulprogrammarbeit auszeichnen wird, da auch viele Lehrer der unterschiedlichsten Schulformen sich für die Errichtung von Sekundarschulen einsetzen. Diese Überzeugung Einzelner mündete kurz nach den Sommerferien in der Gründung eines Aktionsbündnisses, dass sich neben (betroffenen) Eltern und anderen interessierten Bürgern, auch aus Lehrern und Vertretern der heimischen Wirtschaft zusammensetzt.    
Aufgrund all dieser Tatsachen ist es auch für uns Grüne selbstverständlich weiter für die Sekundarschule zu werben. Das Aktionsbündnis „Pro Sekundarschule Castrop-Rauxel“ wird von unserer Partei personell und materiell nach Kräften unterstützt. Auf der Internetseite der Initiative unter www.pro-sekundarschule.de finden sich grundlegende Informationen über die neue Schulform,  Argumentationshilfen, eine Mediathek sowie eine Übersicht über Termine an denen das Bündnis Informationsveranstaltungen und –stände durchführt. Weitere Informationen und Möglichkeiten der Unterstützung können natürlich auch über unseren grünen Stadtverband organisiert werden. (Martin Buchholz)

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